Die Kontinental-Sperre.

Hätten die Hamburger in damaliger Zeit nur noch recht viel Geld verdienen können, so wären ihnen die vielen Ausgaben auch wohl nicht so drückend geworden; dadurch aber, daß Handel und Schiffahrt stockten, hörte auch der Verdienst auf. Nicht allein die Kaufleute waren es, die im großen darunter litten, auch alle anderen Gewerbe lagen danieder. Wenn keine Schiffe im Hafen ankommen, so haben auch die Ewerführer, die Quartiersleute, die Fuhrleute, Jollenführer, Schiffszimmerleute, Segelmacher, Reepschläger etc. nichts zu tun, und wenn alle diese Menschen nichts verdienen, so leiden darunter auch wieder die Handwerker, die sonst für diese arbeiten: Schuster, Schneider Tischler etc.
Da keine Waren aus England eingeführt werden durften, man aber doch viele dieser Dinge eigentlich gar nicht recht entbehren konnte, als: Baumwolle, Zeug, selbst Zucker, Kaffee usw., so fanden sich bald eine Menge Menschen, die sich ein Geschäft daraus machten, oft selbst mit Lebensgefahr, heimlich solche Sachen von England herüberzubringen. Eine Menge Waren wurden erst auf Helgoland niedergelegt und von da in kleinen Fahrzeugen bei Nacht und Nebel an den deutschen Küsten gelandet, von wo sie dann wieder in kleineren Quantitäten nach Hamburg hineingeschafft wurden. Die Menschen, die sich mit solch gefährlichem Gewerbe befaßten, nannte man Schmuggler, wurden diese aber bei ihren Schlichen von den Franzosen ertappt, so wartete ihrer die strengste Strafe. Oft lautete das Urteil sogar auf Galeere oder Tod.
Um nun solches Schmuggeln zu verhüten, waren eine Menge Franzosen angestellt, die man Douaniers nannte, und die allenthalben aufpassen mußten, daß keine verbotenen Waren in die Stadt gebracht würden. Diese Douaniers waren eine rechte Plage für jeden, der ins Tor hinein wollte; jeder mußte sich visitieren (d. h. untersuchen) lassen. Ich erinnere mich noch sehr gut dieser Leute mit ihren ganz dunkelgrünen Uniformen und ihren dreieckigen schwarzen Hüten. Wenn wir mit unserer Großmutter durchs Tor fuhren, so mußte die alte Frau, die gewiß nicht das Geringste schmuggelte, es sich gefallen lassen, daß ein Douanier zu uns in den Wagen stieg; wir mußten dann aufstehen, damit er untersuchen konnte, ob auch in den Sitzkasten englische Waren verborgen wären; dann untersuchte er alle Wagentaschen und unsere Arbeitskörbe oder Kästchen; ein anderer Douanier visitierte den Kutscherhock, stieg auch jedesmal noch zum Überfluß hinten auf den Bediententritt, um sich zu überzeugen, daß man nichts oben auf die Kutsche gelegt habe, und rief dann sein „passet!“ Jedes Dienstmädchen, das durchs Tor ging, mußte erst in der Wache ihren Korb untersuchen lassen; dennoch fanden viele ein großes Vergnügen daran, die Franzosen zu betrügen. So erinnere ich mich, daß unsere Köchin einmal triumphierend nach Hause kam und erzählte, sie habe sich in Altona ¼ Pfund Baumwolle gekauft und in ihre Schuhe gelegt, und obgleich die Franzosen ihren ganzen Korb durchsucht, hätten sie doch von ihrer Strickbaumwolle nichts gemerkt; worauf unsere Mutter ihr noch erwiderte: ,,also um ¼ Pfund Baumwolle hast du es riskiert, daß sie dich vielleich auf acht Tage bei Wasser und Brot in die Wache gesetzt hätten?“ - Man erzählte damals auch, daß Leute ein ganzes Fuder rohen Puderzuckers offen durchs Tor gefahren hätten, als wenn es ein Wagen mit Sand wäre; ich weiß aber nicht, ob’s wahr gewesen ist. Das aber weiß ich, daß fortwährend bekannt gemacht wurde, wer englische Waren im Hause hatte, der solle sie abliefern. Da die Franzosen aber wohl bald merkten, daß das doch nicht ordentlich geschah, so wurden sehr häufig die Speicher und auch die Häuser visitiert.
Der Bruder meines Vaters hatte eine Tuchhandlung; als aber das Geschäft in Hamburg immer schlechter wurde, so ging er ganz von hier weg, überließ das Tuchlager einem Freunde und brachte alle englischen Waren als: Westenzeuge, Sammet, Nanking etc. zu uns ins Haus, wo es in einem verschlossenen Hinterstübchen verwahrt wurde. Zu der Zeit war das Fragen nach englischen Waren besonders stark, sie sollten alle auf dem Grasbrook verbrannt werden. Eines Tages erscheinen denn bei uns plötzlich 4-6 Douaniers oder Gendarmen (eine Art französischer Polizei), um unser Haus zu visitieren, finden auch richtig die kleine Stube mit den englischen Waren; es hilft kein Protestieren, daß der Besitzer nicht in Hamburg sei, sondern alle Waren werden aufgeschrieben, hinuntergeschleppt, darauf wird ein Blockwagen geholt, und alle schönen Stücke Zeug werden zum Brooktor hinausgefahren, um verbrannt zu werden. So streng nun auch die Douaniers wohl waren und sein mußten, so muß man es den französischen Soldaten doch nachrühmen, daß die beim Wagen aufgestellte Schildwache gern ein Auge zudrückte, wenn beim Aufladen vor der Haustür bald dieser, bald jener Vorübergehende leise ein Stück Zeug vom Wagen zog; und auf dem Grasbrook beim Verbrennen sollen auch eine Menge Frauen dabeigestanden und manch schönes Stück Zeug unter ihre Schürzen gerettet haben.
Meinem Vater blieb aber nichts anderes übrig, als unserm Onkel zu schreiben, daß all seine schönen Waren verbrannt seien.

Waren nun auch die Einquartierung, die Kontributionen (d. h. große Geldforderungen, die die Franzosen uns auferlegten), die Requisitionen, die Kontinental-Sperre, die Douaniers mit ihren Visitationen wahre Plagen, so war das Schlimmste von allen die Konskription, daß nämlich alle jungen Leute schon als Kinder gleich nach der Geburt aufge-schrieben wurden, um, sobald sie das gehörige Alter erreicht hätten, als Soldaten in die französische Armee einzutreten. Diese Konskription hat unsäglichen Jammer in viele Familien gebracht, und kann man sich wohl denken, mit welcher Angst so manche Mutter die Zeit hat herankommen sehen, da auch ihr Sohn das militärpflichtige Alter erreicht haben würde, und wie heiß sie den Augenblick herbeigesehnt hat, der uns Deutsche endlich vom französischen Joche erlösen würde. Aber bis zum Jahre 1812 war hierzu auch nicht die geringsie Aussicht. Im Gegenteil: Im Dezember 1810 erklärte Napoleon Hamburg für une bonne ville, die er damit beglücken wolle, sie gänzlich seinem fran-zösischen Reiche einzuverleiben. Bis dahin hatte sie noch den Schein einer freien Stadt mit großen Geldopfern erkaufen müssen. Und die Hamburger? - sie mußten noch eine Gesandtschaft oder Deputation von mehreren angesehenen Bürgern nach Paris schicken, um sich persönlich hei Napoleon zu bedanken, daß er uns unter seinen großmütigen Schutz nehmen wolle!

Es wurde nun alles auf französische Weise bei uns eingerichtet. Unsere alte republikanische Verfassung, an der so mancher Hamburger mit treuer Liebe hing, wurde verspottet und als veraltet abgeschafft; Männer, die sich bis dahin um den Staat hoch verdient gemacht halten, wurden bei Seite geschoben und mußten mit tiefem innern Gram sehen, wie die Fremdlinge sich hier immer mehr als unsere Herren gebürdeten, wie französische Sitten mit der französischen Sprache zugleich auch immer mehr in einen großen Teil des Volkes eindrangen. Daneben bot der Anblick unseres armen geknechteten Vaterlandes das traurigste Bild einer völligen Zerrissenheit und Rettungslosigkeit dar. Was war in dieser, Zeit der allgemeinen Schmach und Unterdrückung für Deutschland, für Hamburg zu hoffen?

Hier blieben bei der neuen Einrichtung die vorigen Plagen aber immer die nämlichen. An die Stelle des Hamburger Wappens trat allenthalben der französische Adler; wir mußten jeden Sieg der Franzosen mit Illumination feiern; die Feier von Napoleons Geburtstag allein kostete 18.000 Mark. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft eines Feuerwerks auf der Binnen-Alster am Geburtstage des Königs von Rom (Napoleons Sohn); ich weiß noch, daß es damit endete, daß ein blaues bengalisches Feuer das ganze Bassin erleuchtete, und daß in der Mitte, von unzähligen glänzenden Lampen gebildet, der französische Adler schwebte mit einer Krone auf dem Kopfe. - Alles Volk jubelte, und ich in meiner kindischen Freude wahrscheinlich auch.

Dabei ging aber unser unglückliches Hamburg mit starken Schritten der gänzlichen Verarmung, der gänzlichen Erwerblosigkeit entgegen; manch wackerer Patriot sah mit blutendem Herzen oder mit verhaltenem Grimm, wie das französische Wesen hier immer mehr überhand nahm; eine dumpfe Gewitterschwüle lastete auf allen, denn niemand wußte, ob noch jemals eine Stunde der Erlösung zu erwarten sei, und woher denn noch Hülfe kommen könne.


Diese Seite empfehlen:


⟨ vor blättern
weiter blättern ⟩




Bücher, Kapitel und Auszüge bei Lexikus.de finden


Aus unserem Verlagsprogramm

Glückliche Jahre Glückliche Jahre
Ernste und heitere, und vor allem wirklich erlebte Geschichten lassen das Bild einer glücklichen Kindheit entstehen – unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges.


Aus unserem Verlagsprogramm

Wie ich meine Jugend überlebte - Fenske Wie ich meine Jugend überlebte
Max Olgart ist 13, als er 1946 vom russischen Militärtribunal zu zehn Jahren Haft wegen angeblich "organisiertem Kampf gegen die Sowjetunion" verurteilt wird.


Aus unserem Verlagsprogramm

Die Ohne-Worte-Sprache Die Ohne-Worte-Sprache
Die Bewältigung des schwierigsten aller Wege ‒ der schonungslos ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Ich.


Aus unserem Verlagsprogramm

Ich bin der Franz Ich bin der Franz
Die Verwandlung eines niederbayrischen Urviehs vom Pauschaltouristen zum Travel-Maniac.


Aus unserem Verlagsprogramm

Mecklenburg - Wege eines Landes Mecklenburg. Wege eines Landes
Eine Landeskunde des mecklen-burgischen Landesteils des neuen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern


Aus unserem Verlagsprogramm

Panzer, Schutt und Algebra Panzer, Schutt und Algebra
Ein anrührendes Buch über die Geschichte eines Siebzehnjährigen der als Flakhelfer und später in Hitlers letztem Aufgebot an der Front diente.


Aus unserem Verlagsprogramm

Blätter im Wind Blätter im Wind
Elke Lindner ist fort von der geliebten Heimat, den geliebten Menschen, fort von allem Vertrauten. Sie glaubt, ihre Jugend habe nur einen Sommer lang gewährt, einen unvergessenen Sommer am Inselsee.


Aus unserem Verlagsprogramm

Endstation Stadtpark Endstation Stadtpark
Auf einer Parkbank vertraut Erwin Rathloff einer Zufalls-bekanntschaft die Geschichte seines Lebens an. Erfahrungen eines Menschenalters in unterhaltsamen, aber auch nachdenklichen Erzählungen.

Historische Romane von Carola Herbst