Als passionierter Landwirt.

Wie man sich denken kann, hatte ich als passionierter Landwirt ein besonderes Auge auf die Felder. Merkwürdigerweise sah ich zwischen Hamburg und dem Sitz des Baron Biel 56 Meilen einen einzigen Pflug bei der Arbeit; er wurde von zwei Pferden gezogen. Was noch seltsamer war: Wir sahen auf der ganzen Strecke höchstens zwanzig Weizenfelder. Dies hat seinen guten Grund: Der Weizen kostete damals 1 sh 6 p bis 2 sh der Scheffel, d. h. er brachte noch nicht die Herstellungskosten. Man baut daher Roggen, das Hauptnahrungsmittel der kleinen Leute. Es ist eine alte Erfahrung, die sich hier wieder bewahrheitet: Je billiger der Weizen ist, desto weniger können die Armen ihn sich leisten. Ich sah mich auch nach Mangold und Rüben um; von ersterem entdeckte ich sehr wenig, von letzteren überhaupt nichts, bis ich nach fünfzig Meilen zwei Morgen schwedischer Rüben fand, die nicht sehr viel versprechend aussahen.

Sobald das Unwetter sich gelegt hatte, machten wir uns endgültig nach Zierow auf, statteten aber unterwegs dem jüngeren Bruder Biels in Weitendorf einen Besuch ab. Hier trafen wir bereits den Zierower, der uns auf das allerherz-lichste willkommen hieß: „Es gibt für mich keine größere Freude”, sagte er zu Mr.Tattersall, „als Sie hier zu sehen. Ich habe immer auf Ihren Besuch gehofft, aber da ich weiß, wie kostbar Ihre Zeit daheim ist, so habe ich nie auf Sie gerechnet, bis Sie hier leibhaftig vor mir stehen.” Dann wandte er sich an mich: „Sie hatten mir Ihren Besuch versprochen und ich weiß, dass ein Engländer Wort hält.”

Wir nahmen in Weitendorf einen kleinen Imbiß und fuhren dann nach dem nur zwei englische Meilen entfernten Zierow.

Wir trafen gegen sechs Uhr dort ein und saßen bald darauf bei Tische. Es wurde nach englischer Sitte aufgetragen, d. h. das Fleisch kam ungeschnitten auf den Tisch. Unter verschiedenen anderen Weinsorten bekamen wir eine Flasche ganz vorzüglichen alten Portweins, den Mr. Tattersall für eine „englische” Gesundheit absolut unentbehrlich hält, zumal in feuchter Jahreszeit. Dann gab es einen Wein, der, glaube ich, sehr selten und mir ganz neu war. Es ist ein weißer Rheinwein von wunderbarem Geschmack; man nennt ihn „Strohwein”, weil die überreifen Trauben auf Stroh gelegt werden und der Saft durch dieses durchziehen muss. Der Champagner, aus den Kellereien des berühmten M. Moyez, war unübertrefflich. Für mich war freilich der Brotkorb hochgehängt; aber ich habe mich schon oft mit dem alten Spruch der Spartaner trösten müssen: „Non misere vivit, qui parce vivit.”

Biel hat sein Haus selbst gebaut nach englischem Muster und der Park ist nach seinen Angaben angelegt. Das Haus ist ziemlich groß, es hat acht Fenster Front und eine schöne Säulenhalle, vor der man vorfährt, es ist mit so genanntem aus bestem „Portland-Stein” aussieht. Abgesehen von den schönen alten Bäumen, ist auch der Ziergarten sehr geschmackvoll angelegt. Genaue Größenangaben kann ich über das Haus nicht machen, aber man erhält ungefähr einen Begriff, wenn ich sage, dass wir fünf Zimmer bewohnten und dass die „gute Stube” nach dem besten englischen Geschmack eingerichtet war. Mit einer Ausnahme (beim Grafen Hahn) war dies die einzige Stube, in der ich in Deutschland einen Teppich gesehen habe. Die Häuser in Deutschland sind sehr viel größer als in England, aber nicht annähernd so behaglich eingerichtet. Die Riesentüren und der Überfluss an großen Fenstern geben ihnen einen ungemütlichen Anstrich, wozu der Mangel an Teppichen noch bedeutend beiträgt. Ein hell brennendes Kaminfeuer sieht man selten oder nie, da alle Zimmer mit Kachelöfen versehen sind. Doch erzählte man mir, dass diese Öfen den englischen Kaminen vorzuziehen seien, da sie eine gleichmäßige, angenehme Wärme in den Zimmern verbreiten. Ein Zimmerschmuck, der den deutschen Häusern eigentümlich ist, sind die gemalten Decken, die ich sehr geschmackvoll finde. Auf meine Frage nach dem Künstler, der die Decke in dem Salon und Gesellschaftszimmer gemalt habe, sagte mir der Baron, dass es ein Mann im Nachbardorf sei. Zu meinem Erstaunen hörte ich, dass eben dort auch ein Teil der Möbel gefertigt worden ist. Die Arbeit war jedenfalls über alles erhaben, was man in England bekommt, abgesehen vielleicht von London oder wenigen ganz großen Städten. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich habe außer in dem Hause Biels in Deutschland nie in einem richtigen Bett geschlafen, d. h., was ich unter einem solchen verstehe; diese miserablen so genannten Betten mögen für den, der sie von Kindheit an gewöhnt ist, bequem sein, ich habe sie oft genug verwünscht. Entweder ich selbst oder die Decken waren beständig am Herausfallen, was beides gleich unbehaglich ist; ich komme jedoch auf die Betten noch zurück, wenn ich von den Sitten des Landes rede.

Wenn ich sage, dass Baron Biel englisch so fließend spricht und schreibt wie seine Muttersprache, so brauche ich wohl nicht hinzusetzen, dass er oft und lange in England gewesen ist. Seine Landsleute nennen ihn tatsächlich den „englischen Baron”, und seine Ehe mit einer Engländerin hat seine Zuneigung für unser Land noch befestigt. Durch eine jener unerforschlichen Heimsuchungen, denen niemand zu entrinnen vermag, wurde die Baronin bald nach der Geburt ihres ersten Kindes dem Gatten entrissen, der gerade diesen eleganten Wohnsitz für die Lebensgefährtin ausgebaut hatte, um gemeinsam mit ihr dort ein glückliches Alter zu genießen. Die Ankunft der sehnlich erwarteten Freunde und der Gedanke an die bevorstehenden Rennen hatte gegenwärtig unseren verehrten Wirt ein wenig aufgeheitert.

Gewiss möchte der Leser wissen, in welcher Gegend Zierow liegt. Es liegt im nördlichsten Deutschland, vier Meilen von der Stadt Wismar; der Garten stößt an die Ostsee, die nur anderthalb Meilen von dem Hause entfernt ist.


Diese Seite empfehlen:


⟨ vor blättern
weiter blättern ⟩




Bücher, Kapitel und Auszüge bei Lexikus.de finden


Aus unserem Verlagsprogramm

Glückliche Jahre Glückliche Jahre
Ernste und heitere, und vor allem wirklich erlebte Geschichten lassen das Bild einer glücklichen Kindheit entstehen – unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges.


Aus unserem Verlagsprogramm

Wie ich meine Jugend überlebte - Fenske Wie ich meine Jugend überlebte
Max Olgart ist 13, als er 1946 vom russischen Militärtribunal zu zehn Jahren Haft wegen angeblich "organisiertem Kampf gegen die Sowjetunion" verurteilt wird.


Aus unserem Verlagsprogramm

Die Ohne-Worte-Sprache Die Ohne-Worte-Sprache
Die Bewältigung des schwierigsten aller Wege ‒ der schonungslos ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Ich.


Aus unserem Verlagsprogramm

Ich bin der Franz Ich bin der Franz
Die Verwandlung eines niederbayrischen Urviehs vom Pauschaltouristen zum Travel-Maniac.


Aus unserem Verlagsprogramm

Mecklenburg - Wege eines Landes Mecklenburg. Wege eines Landes
Eine Landeskunde des mecklen-burgischen Landesteils des neuen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern


Aus unserem Verlagsprogramm

Panzer, Schutt und Algebra Panzer, Schutt und Algebra
Ein anrührendes Buch über die Geschichte eines Siebzehnjährigen der als Flakhelfer und später in Hitlers letztem Aufgebot an der Front diente.


Aus unserem Verlagsprogramm

Blätter im Wind Blätter im Wind
Elke Lindner ist fort von der geliebten Heimat, den geliebten Menschen, fort von allem Vertrauten. Sie glaubt, ihre Jugend habe nur einen Sommer lang gewährt, einen unvergessenen Sommer am Inselsee.


Aus unserem Verlagsprogramm

Endstation Stadtpark Endstation Stadtpark
Auf einer Parkbank vertraut Erwin Rathloff einer Zufalls-bekanntschaft die Geschichte seines Lebens an. Erfahrungen eines Menschenalters in unterhaltsamen, aber auch nachdenklichen Erzählungen.

Historische Romane von Carola Herbst