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Reiseliteraur: Land und Leute in der alten und neuen Welt von Franz Löher, 1835.
Band II, Band III
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Andreas Hofer Ein historischer Roman über Andreas Hofer, Freiheitskämpfer und Anführer der Tiroler Aufstandsbewegung von 1809. (Englisch)
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Buch: Am Lagerfeuer - Jagdliche Mixed Pickles aus zwei Welten

Schnepfenstrich

Man braucht ja gar nicht Jäger zu sein, wenn man zu Fuß durch die Straßen der Metropole lustwandelt; es ist auch nicht nötig, daß man den Jagdschein im Kopfe hat, um genauestens über Schon- und Schußzeiten orientiert zu sein, – das sagt einem ja alles viel bequemer die Auslage der Schaufenster in den großen Delikateß- und Wildhandlungen. Was findet man im April bei allen in merkwürdiger Übereinstimmung? – Schnepfen, Birk- und Auerhähne! Auch auf den Speisekarten der erstklassigen Restaurants finden sich diese Vögel jetzt mit tödlicher Sicherheit verzeichnet, mit Ausnahme vielleicht des Auerhahnes. Dieser urige Vogel ist leider bei uns schon so selten geworden, daß man ihn wohl schießt, aber nicht ißt, sondern ihn zum Andenken ausstopfen läßt.

Daß Schnepfendreck eine Delikatesse ist, weiß jeder Schusterjunge aus dem dunkelsten Berlin N. Wie eine tote Schnepfe aussieht, ist ebenfalls sämtlichen 2 ½ Millionen Berlinern kein Geheimnis. Forscht man aber weiter, wer von diesen Menschenmassen schon je eine lebendige Schnepfe gesehen, so bekommt man höchstens ganz blutige Kalauer zu hören, und ist man damit noch nicht zufrieden und will wissen, wer denn ein solches Fabelwesen schon wirklich und wahrhaftig geschossen hat, so verstummt alles in der Runde aufs tiefste, und ein Engel so dick wie ein Schutzmann fliegt durch die Atmosphäre. Drob braucht sich niemand zu schämen; denn die Schnepfen sind tatsächlich bei uns zu ziemlich fabelhaften und unwahrscheinlichen Lebewesen geworden, und wenn ich als alter Weidmann aus der Schule plaudern darf, so muß ich ganz offen gestehen, daß es bei uns in Feld und Wald kein zweites jagdbares Tier gibt, über dessen ganzen Lebenswandel selbst wir Jäger fast völlig im unklaren sind, wie die Schnepfe. Ihr Familienleben ist uns völlig unbekannt, selbst die weidgerechteste Art, sie zu jagen, kann kaum mit Sicherheit angegeben werden. Die eine jagdliche Autorität will sie nur im Frühjahr auf dem Abendstrich erlegt wissen, was wieder andere Kapazitäten als fluchwürdiges Verbrechen und Aasjägerei brandmarken, da sie ausschließlich die Herbstjagd als weidgerecht gelten lassen wollen. Andere schwören auf das Buschieren im Frühjahr, wieder andere nur auf die Treibjagden im Herbst, und ein kleiner Prozentsatz möchte überhaupt den Schnepfenabschuß auf Jahrzehnte gesetzlich verbieten, um die Vögel vor der ihnen anscheinend drohenden Vernichtung zu schützen.

Nun, sei dem wie ihm wolle, mögen sich in Fachblättern Schriftgelehrte die Köpfe darüber zerbrechen und sich gegenseitig die spärlich vorhandenen Haare ausraufen, es soll uns nicht kümmern; wir wollen einen der wundervollen Frühlingstage benutzen, um uns einen schmackhaften Langschnabel zu holen.

Oculi, da kommen sie;
Lätare, das ist das Wahre;
Judica, sind sie auch noch da,
Palmarum – Trallarum;
Quasimodogeniti,
Halt, Jäger, halt! Jetzt brüten sie.

Diesen Vers hat irgendein reimeschmiedender Jäger verbrochen, er klingt ganz hübsch und reimt sich sehr nett, im übrigen ist er natürlich Unsinn. Die Schnepfen richten sich nicht nach dem Kalender, noch weniger nach den Sonntagen, sondern ausschließlich nach der Witterung. Wird es Anfang März schon warm, beginnt der Zug früher, liegt Mitte des Monats noch alles in Schnee und Eis, haben sie es mit der Reise nicht so eilig. Wer nicht darauf erpicht ist, den absolut ersten streichenden Langschnabel zu sehen, zu hören und, wenn angängig, auch zu schießen, der kann sich so zwischen dem 16. und 20. März das erstemal auf die Beine machen, er wird in Mittel- und Norddeutschland noch reichlich früh genug kommen. In Ostdeutschland, Hinterpommern, West- und Ostpreußen ist auch dieser Termin noch verfrüht, der richtige Strich setzt dort erst Mitte April ein. In Preußen ist jagdgesetzlich der Osten gegen den Westen erheblich benachteiligt, da bereits am 15. April die Schnepfenschonzeit beginnt. Die Jäger im Osten müssen also gerade dann, wenn der Zauber bei ihnen losgeht, die Flinte wieder in den Schrank stellen.

Es hat einen eigenen Reiz, die Schnepfe auf dem Abendstrich zu erwarten. Den ganzen Nachmittag ist man in Feld und Wald herumgestiefelt, hat Salzlecken frisch eingeschlagen, bei der Bestellung der Wildäcker sich nützlich gemacht, den Rucksack voll Ginstersaat heimlich auf den Schlägen und neuen Kulturen ausgesät, – dies scheußliche Unkraut ist ja die prächtigste Winteräsung für alles Wild –, dann hat man in einer verschwiegenen Waldecke ein wenig gevespert und schließlich die Roggensaaten an der Waldlisiere vorsichtig abgebirscht, um die gierig das schmackhafte Grün äsenden Rehe zu zählen und die Gehörne seiner Böcke zu prüfen. Allmählich sinkt die Sonne im Westen, die Glocken der nahen Dorfkirche läuten zum Feierabend, Vieh und Menschen trollen sich heimwärts, der Lärm verstummt, tiefer Friede legt sich über die Landschaft. Eilig hat man den Bestand durchquert, das Ziel ist ein großes Bruch, einzelne alte Erlen, Birken und Eichen heben sich schwarz wie trotzige Schildwachen vom purpurn und violett glänzenden Abendhimmel ab. Jeder Jäger kennt die guten Stände für den Schnepfenstrich in seinem Revier seit Jahren. Auf dem Stande angekommen, macht man sich's bequem, setzt sich auf seinen Jagdstuhl, brennt die Zigarre an und beginnt zu träumen. Der brave Hund liegt zu unseren Füßen, er blinzelt ein wenig mit den Augen, nun träumt auch er. Ein laues, warmes Lüftchen umkost die Stirn, rings auf allen Überständern jubeln die Drosseln. Dort auf der alten Eiche fällt ein Schwärm schwatzender Stare ein, sie plustern ihr stahlblaues Federkleid vor Wonne und trillern und pfeifen wie unsinnig. Krächzend kommen vom nahen Feld ein paar mißvergnügte Krähen heim, sie suchen ihre Schlafbäume im Kiefern–Altholz. Im Bruch gockt ein Fasanenhahn, sausend, klingenden Flugs, hasten zwei wilde Enten vorüber, drüben durch die Randbüsche schleicht vorsichtig ein grauer Schatten. Man hebt das Birschglas an die Augen, aha, der alte Einsiedler vom Erlenbruch, der kapitale Bock, dem alle Liebesmüh im vorigen Sommer vergebens galt. Ein klotziges Gehörn hat der Bursche geschoben, Bastfetzen hängen schon herunter, man atmet auf, der Nachbar hat ihn also auch noch nicht erwischt.

Die Sonne ist verschwunden, und die Schatten werden lebendig. Ein geheimnisvolles Raunen und Flüstern geht durch den Wald, das Spiel der Elfen und Zwerge und Fabelwesen beginnt. Ein strahlender Brillant blitzt und flimmert am Himmel, der Abendstern. Nun ist es Zeit, die kurze Viertelstunde, wo die Schnepfen streichen, beginnt. Von der nahen Wiese jenseits der Grenze hallt donnernd ein Flintenschuß herüber, in rascher Folge noch ein zweiter. Man schmunzelt vergnügt in seinen Bart, der Nachbar ist auch tätig, hoffentlich hat er vorbeigemacht! Man faßt die Flinte fester, sieht noch einmal nach der Sicherung, alles in Ordnung. Unkas hat sich auf die Keulen gesetzt und blinzelt mit schiefem Kopf gleichfalls nach oben.

„Muarr, muarr, muarr,“ quarrt es zur Rechten, oder war es links? Oder war es bloß Täuschung? Nein, nun wieder: „Muarr, muarr, muarr, pswst.“

Da drüben gaukelt er ja, der „Vogel mit dem langen Gesicht“, leider zu weit, er verschwindet nach rechts, nun tödliche Stille. In weiter Ferne fällt wieder ein Schuß, und auch beim Nachbar knallt es zum zweitenmal. Das gilt alles den Schnepfen!

Quarrend mit trägem Flügelschlag kommt eine herangesegelt, ein Blitz, ein Knall, ein dumpfer Aufschlag. Die erste! Da bringt sie Unkas schon rutewedehad. Zärtlich umspannt die Hand die warme Beute, liebkosend streicht man ihr über das Gefieder, nun gleitet sie in die Tasche .... Für Rekordschießer ist der Schnepfenanstand kein lohnendes Weidwerk in Deutschland; man ist froh, wenn man eine, stolz, wenn man zwei nach Hause bringt, und wer der leckeren Vögel mehr an einem Abend erbeutet, preist diesen Fall als seltenes Ereignis. Was bei uns jahraus, jahrein an Schnepfen geschossen wird, ist wie ein Tropfen im Weltmeer. Kultivierte Ränder liebt die Schnepfe nicht, sie meidet sie nach Möglichkeit. Geht nach den riesigen Mooren und Brüchen Rußlands; wenn ihr nur einmal dort den Frühjahrsschnepfenstrich frequentiert habt, werdet ihr über die Ausrottung dieses Vogels beruhigt sein. Dort ist er zu Hause, dort fühlt er sich wohl, und dort könnt ihr an einem Abend ein Dutzend und noch mehr bequem zur Strecke bringen.
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