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Buch: Am Lagerfeuer - Jagdliche Mixed Pickles aus zwei Welten

Auf den großen Hahn



Während unsere Hoch- und Niederwildbestände von Jahr zu Jahr durch liebevolle Hege und Pflege, sachgemäßen Abschuß, durch Einführung starken, an rauhes Klima gewöhnten, ausländischen Wildes sowohl an Quantität wie Qualität in erfreulicher Weise nicht unbeträchtlich zunehmen, muß leider auf der anderen Seite für jeden, der nicht mit Blindheit geschlagen ist, gerade bei einer unserer interessantesten Hochwildarten ein unaufhaltsamer Rückgang konstatiert werden. Wir meinen nicht das ritterliche Schwarzwild, dessen rapide Abnahme zwar zu beklagen, aber durch die Forderungen der fortschreitenden Kultur kaum noch aufzuhalten ist, nein, wir meinen das harmlose, uns Menschen wirklich so wenig schädigende, tief im Dunkel der Wälder sein genügsames und beschauliches Dasein fristende Auerwild.
Wer in Nord und Süd, Ost und West unseres deutschen Vaterlandes mit offenen Augen reichlich geweidwerkt hat, wird zugeben müssen, daß riesige Landstriche allmählich absolut auerhahnfrei geworden sind. In Westpreußen und an der hinter-pommerschen Grenze finden wir noch spärliche Überreste des urigen Wilds; auch in der schlesischen Lausitz, in den großen Waldungen um Muskau herum, kann man noch von einem leidlichen Bestand reden, damit dürften aber die Auerwildbestände. des norddeutschen Flachlandes ziemlich erschöpft sein. Etwas günstiger sieht es im Gebirge aus, und am allerbesten hat sich dieses Wild wohl noch in Bayern erhalten.

Es ist absolut falsch, den Rückgang der fortschreitenden Kultur in die Schuhe zu schieben und behaupten zu wollen, daß sich das Auerwild nur in möglichst urigen Wäldern wohl fühlt und nur dort gedeiht, wo es vom Menschen möglichst wenig gestört und belästigt wird. Kommen Sie in unsere schlesischen Wälder, die an Kultur und reichlich vorhandenen Menschen wahrhaftig ihresgleichen suchen, und Sie werden mit Erstaunen bemerken können, daß sich das Auerwild dort außerordentlich wohl fühlt und den vorüberbummelnden Menschen kaum beachtet. Daran liegt es also nicht.

Die Gründe sind ganz wo anders zu suchen. Zunächst natürlich in dem übermäßigen Abschuß. Wie das Jahr 1848 die Wildstände der hohen Jagd in manchen Gegenden fast vernichtete und Lücken schlug, die erst nach Jahrzehnten sich wieder schlössen, so wurde auch dem Auerwild damals übel mitgespielt, Es ist ja nichts so leicht, wie den Auerwildstand eines Reviers in einem Jahr aufzureiben. Schießt man in der Balz soviel Hähne ab, wie man bekommen kann, die überlebenden dann in der Mauser, und jagt man im Spätsommer die jungen Gesperre mit dem Hund, so ist es schließlich Kinderspiel, dem Rest im Winter auf seinen beliebten, mit reichlichem Heidelbeerunterwuchs versehenen Standorten den Garaus zu machen. Das Raubzeug, namentlich Fuchs und Marder, helfen ebenfalls wacker mit, und ist das Revier einmal rein, kann man lange warten, ehe sich neues Auerwild einstellt.
Die Verwüstung der Wälder in den letzten Jahrzehnten ist ein zweiter Grund. So klug wir Jäger auch sind, das Geheimnis der festen Balzplätze haben wir doch noch nicht ergründet. Warum nun Jahr für Jahr nur in der Abteilung A und in dem Jagen B sämtliche Auerhähne balzen und um keinen Preis ihren Minnesang in den Nachbarbezirken ertönen lassen, ist uns einfach noch schleierhaft. Das ist nun einmal Tradition seit Jahrzehnten, jeder Jäger erzählt es seinem Nachfolger, und mit dieser Wissenschaft geben sie sich zufrieden. Fällt der Waldbestand einer solchen festen Balz der Axt zum Opfer, so ist die Balz ruiniert, und der kluge Jagdherr kann sich seine Hähne im nächsten Frühjahr mit der Interne suchen. Viel Glück wird er dabei wohl nicht haben. Wir haben in den russisch-deutschen Ostseeprovinzen, dem Dorado des Auerwilds, als Jäger hervorragend tüchtige Jagdherren gekannt, die ihre Balzplätze mit beinahe übertriebener Sorgfalt vor jedem Eingriff schützten. Da war ein Herr v. Y., dem während der Revolution vor wenigen Jahren sein ganzes Besitztum niedergebrannt und total verwüstet wurde. Barmittel standen ihm nicht zur Verfügung, und als wieder Ruhe im Lande war, mußte der Wald herhalten, um den Schaden gutzumachen. Aber drei große Oasen unberührten Hochwalds blieben in dem ganzen Revier stehen, in denen auch nicht eine einzige der vielhundertjährigen Fichten und Kiefern herunter geschlagen wurde, und das waren seine drei besten Auerhahnbalzen. So übel der Wald im übrigen nach dieser Katastrophe auch aussah, das hatte der Herr doch erreicht, daß seine Hähne im Frühjahr nach wie vor an ihren beliebten alten Standorten sich einschwangen und ihre Nieder sangen wie in früheren Zeiten. Wer Auerwild sein eigen nennt, berücksichtige diesen Umstand auf das peinlichste.
Schließlich wurde und wird auch heute noch durch den Abschuß selbst ganz unverantwortlich gesündigt. Sobald die ersten Hähne zaghaft zu balzen anfingen, begab sich männiglich schwer bewaffnet auf den Kriegspfad, und jeder balzende Hahn wurde, so gut es ging, herunterkartaunt. Solch gedankenloser Abschuß rächt sich für die Zukunft bitter. Wer soll die Hennen befriedigen, wenn die Hähne, kaum daß sie sich ihrer angenehmen Pflichten bewußt werden, in die ewigen Jagdgründe abreiten müssen. Als ausgestopfte Trophäen an der Wand machen sie sich sehr hübsch, sie sind dort aber beim besten Willen nicht mehr fortpflanzungsfähig.

Der verständige Jäger, der das große Glück hat, in seinem Revier eine feste Balz zu wissen, hat vor allen Dingen die Pflicht, sobald der Zauber anfängt, morgens und abends zur Stelle zu sein, um zu verhören.


Nach acht bis zehn Tagen kann er einigermaßen unterrichtet sein, wieviel Hähne und Hennen diese Balz bevölkern. Seiner aufmerksamen Beobachtung wird dabei auch kaum entgehen, ob sich unter den Minnesängern alte unverbesserliche Raufbolde befinden, die jeden jungen Hahn aus der Balz herausprügeln. Das sind dann Abschußkandidaten, die möglichst zu Beginn der Balzzeit entfernt werden müssen. Sie sind dankbare Objekte für den passionierten Jäger, denn selbstverständlich sind sie auch mit allen Salben gerieben und mit nichten blind und taub wie ihre jüngeren Vettern. Sie balzen unstet und in Pausen, verschweigen manchmal sogar noch nach dem Hauptschlag und sichern argwöhnisch; sie haben keinen festen Balzbaum; sie überstellen sich mit Vorliebe gerade dann, wenn man es am wenigsten vermutet; sie bevorzugen die Bodenbalz und stürzen sich wie die Teufel auf jeden jungen Hahn, der in ihrem Bezirk ebenfalls zu balzen wagt. Sie müssen fort, je eher, desto besser, denn sie schädigen den Verlauf der Balz ganz ungeheuer. Dafür gewähren sie dem erfolgreichen Jäger, wenn er sie glücklich zur Strecke hat, außer der hohen Befriedigung, den Erzstörenfried beseitigt zu haben, noch eine ganz kapitale Trophäe. Man wird reichlich zu tun haben, sich ihrer rechtzeitig zu entledigen, dafür lasse man aber den übrigen Hähnen die ersten Wochen der Balz vollständige Ruhe. Wenn auf drei, vier Hennen ein Hahn kommt, wird das Geschlechtsverhältnis günstig geregelt sein; sind mehr Hennen vorhanden, so schieße man überhaupt vor Ende der Balz keinen Hahn ab, und wenn man es sich schließlich ganz verkneift, ist es auch noch kein Unglück. Hauptbedingung ist, daß sämtliche Hennen genügend befruchtet werden, ein einziges Jahr der Schonung kann einen leidlichen Bestand so gesunden lassen, daß das Verhältnis im nächsten Jahr normal ist.

Heute, wo rationeller Abschuß, intensive Hege mit der Büchse und Blutauffrischung gern und viel angewandte Schlagworte geworden sind, muß man sich doch wundern, daß zwar massenhaft Rotwild und Rehe, Hasen und Fasanen und anderes Wild aus aller Herren Ränder nach Deutschland importiert werden, daß man aber fast nie etwas von Neueinführung oder Blutauffrischung des Auerwilds hört. Freilich muß zugegeben werden, daß dies mit einigen Schwierigkeiten verknüpft ist. Aber gerade die Schwierigkeiten sollten uns Jäger erst recht reizen, und das Bewußtsein, in einer Gegend dies edle Wild wieder eingebürgert zu haben, ist wohl des Schweißes der Edelsten wert. Lebendes Auerwild bekommt man meist nur im Herbst und Winter aus Schweden und Norwegen, und unseres Wissens hat sich der Versuch des Aussetzens noch nie gelohnt, ist wohl auch selten genug probiert worden. Das Wild verstreicht Gott weiß wohin und man hört und sieht nichts wieder davon. In mit Birkwild gesegneten Revieren gibt es ein einfaches Mittel auch Auerwild wieder einzuführen: Man beziehe im Frühjahr frische Bier und schmuggele sie in Birkwildgelege ein, der Erfolg wird nicht ausbleiben. Kann man halbflügge Gesperre beziehen, dürfte sich ein Versuch ebenfalls lohnen.

Wer im April - Mai das Glück hat, mit seiner Flinte oder Büchse den balzenden großen Hahn anspringen zu dürfen, der beherzige aber vor allem die Mahnung: Es ist leicht, den Hahn herunterzuschießen, es ist schön, ihm eine Viertelstunde zu lauschen, und es ist gut, ihn leben zu lassen und erst im nächsten Jahr zu schießen. Meist wird man dann das Richtige getroffen haben!



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